blurred edges

24.04.2008

FAZ: Am liebsten umsonst

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von ANNIKA MÜLLER

Warten auf Fördergelder lohnt sich nicht. In Hamburg erwacht die Neue Musik ganz unabhängig zum Leben. Das Festival "Blurred Edges" beweist es.

Hamburg ist nicht gerade bekannt für seine Neue-Musik-Szene. Dass diese Szene aber sehr wohl existiert und zudem recht vital ist, zeigt das Festival "Blurred Edges". Ins Leben gerufen wurde es vom "Verband für aktuelle Musik in Hamburg" (VAMH), der im Jahr 2004 als Reaktion auf die Sparmaßnahmen der Stadt entstand. "Die Förderung der freien Musikszene Hamburg ist im Prinzip aufgegeben", hatte der Musikreferent der Kulturbehörde, Helmut Tschache, im Jahr zuvor gesagt. Die Gelder für freie Musikprojekte wurden fast ausnahmslos gestrichen und bis heute nicht wieder aufgestockt. Standen in den neunziger Jahren noch 550 000 Mark Projektmittel für die freie E-Musik zur Verfügung, so sind es nach Angaben des VAMH im Jahr 2008 nur noch 50 000 Euro - und davon wiederum geht nur ein Bruchteil an die Neue Musik. Die Hansestadt werde zur kulturellen Provinz verkommen, lautete die Befürchtung der Künstler und Veranstalter. Besonders um den Stand der Neuen Musik machte man sich Sorgen - zu Recht, wie sich zeigen sollte. "Viele Musiker wie der Improvisationskünstler Burkhard Beins oder das Ensemble ,La pour la' haben Hamburg inzwischen verlassen und sind anderswo bekannter", bedauert Heiner Metzger, Gründungsmitglied des VAMH. Die Künstler, die geblieben sind, klagen über schlechte Infrastruktur und mangelnde Räumlichkeiten.
Immerhin haben sie nun mit dem Verband eine Lobby, die zusehens stärker wird. "Wir werden endlich auch von der Stadt wahrgenommen", so die Komponistin und Klangkünstlerin Dodo Schielein, die den Verband mitbegründete. Mit dem Festival "Blurred Edges", das nun bereits im dritten Jahr vor allem ansässigen Künstlern ein Forum bietet, kommt merklich Bewegung in das Musikleben Hamburgs. Trotz des geringen Budgets - der deutsche Musikrat stellte 5000 Euro zur Verfügung - stehen in diesem Jahr immerhin fünfzig Konzerte auf dem Programm. Auch muss das Festival trotz fehlender Mittel auf bekannte Protagonisten nicht verzichten. "Wir haben das Glück, dass viele Künstler für uns sogar umsonst spielen", sagt Schielein. Mit Christian Wolff konnte der einzige noch lebende Komponist der amerikanischen Künstlergruppe um John Cage für mehrere Veranstaltungen in der Altonaer Christianskirche gewonnen werden. Hier präsentierte er sein neues Stück "Metal und Breath" mit dem Ensemble TonArt und gemeinsam mit John Tilbury Werke für Klavier.
Die Besonderheit des Festivals sind aber nicht die auswärtigen Künstler, sondern die Einsichten in die vitale, aber sonst versteckte Hamburger Alltagskultur, die hier verdichtet wiedergegeben wird. "Blurred Edges" kommt dabei ohne künstlerische Leitung aus. "Der Verband für neue Musik ist nicht Kurator sondern Koordinator", so der Improvisationskünstler Metzger. Als Organisationsbasis dient die ihrem Wesen nach demokratische und billige Struktur des Internets. Die Veranstalter sind für ihre Konzerte selbst verantwortlich und richten diese in Kirchen, Ateliers, Theatern und vor allem Clubs überall in der Stadt aus. Dabei öffnet sich das Festival auch für die U-Musik und vereint komponierte Musik, Improvisation und Elektronik mit Avantgarde-Rock, Punkkonzerten und DJing. Wie der Titel schon sagt, verschwimmen bei "Blurred Edges" die Ränder der zeitgenössischen Musik, fließen die Genres ineinander.
In der "Astra-Stube", einem kleinen, angesagten Club unter einer S-Bahnbrücke, wird sonst überwiegen Rockmusik gespielt. Im Rahmen des Festivals traf hier die neue, elektronische Musik von Malte Steiner, alias "Notstandskomitee" auf eine kanadischen Band, die sich mit ihrer experimentellen Popmusik weit abseits von der E-Musik bewegt. In der verschwitzten Atmosphäre des winzigen Konzertraumes animierte "Trike" mit ihrer wahnwitzigen Bühnenshow das Publikum sogar zum Tanzen. Durch Veranstaltungen wie diese, in denen verschiedene Sparten gleichberechtigt nebeneinander stehen, erreicht das Festival auch ein Publikum, das sonst den Kontakt zur E-Musik scheut - sie nun aber in ihren vertrauten Clubs und in Verbindung mit Bands aus der Rock- und Popmusik begeistert aufnimmt.
Die Konzertreihe, die Michael Petermann mit seinem Künstlerverbund "Weißer Rausch" präsentiert, entsprechen durchaus den Erwartungen an Neue-Musik-Veranstaltungen. Ungewöhnlich ist allerdings der Ort: Ein riesiger Bunker an der Hamburger Feldstraße. Schlecht beleuchtete Gänge führen zu dem Atelier im vierten Stock, in dem Petermann schon seit einigen Jahren die Reihe "Bunkerrauschen" ausrichtet. Der Raum ist wider Erwarten hell. Durch die Fenster beobachtet man das Treiben des "Doms", des großen Hamburger Volksfestes und sieht die Kabinen des Riesenrads vorbeiziehen. Doch kein Laut dringt durch die meterdicken Wände herein. Stattdessen erklingt Bach. Petermann spielt das Wohltemperierte Klavier auf dem Nachbau eines historischen Cembalos. In Steve Reichs "Electric Counterpoint" greifen der Klang dieses Intruments und die zuvor eingespielten elektronische Samplings so stark ineinander, dass sie kaum mehr zu unterscheiden sind. Auch Petermanns zahlreiche Veranstaltungen kommen ohne Unterstützung der Stadt aus. "Ich bemühe mich schon lange nicht mehr um Fördergelder", sagt Petermann, "Das lohnt sich nicht".
Festivals für neue Musik hatten in Hamburg bislang geringe Lebensdauer: Das "Hamburger Musikfest" fiel ebenso dem Rotstift zum Opfer wie das "Real Time Music Meeting" für improvisierte Musik. Das "Ausklang Festival" in der "Hörbar" ist ohne den früheren Zuschuss geschrumpft. Diesem Schicksal will "Blurred Edges" durch seine dezentrale Struktur entgehen. Außerdem kann es auf Gelder des neu geschaffenen bundesweiten "Netzwerk Neue Musik" hoffen. Sein Fortbestand ist zu wünschen, ist es doch Beweis für die Vielfalt und Lebendigkeit der freien Hamburger Musikszene.

F.A.Z., 24.04.2008, Nr. 96 / Seite 36

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