blurred edges

10.04.2008

TAZ: Unüberhörbar bleiben

von ROBERT MATTHIES, TAZ, 10.4.2008

Wachsender Widerstand: Die dritte Ausgabe des "blurred edges"-Festivals präsentiert ab heute fast drei Wochen lang auf knapp 50 Veranstaltungen die weit verzweigte Szene aktueller Musik

Widerstand, künstlerischer und kulturpolitischer, war im April 2006 der Beweggrund für das erste "blurred edges": ein basisdemokratisch und ohne künstlerische Leitung vom Verband für aktuelle Musik Hamburg (VAMH) organisiertes Festival als Verdichtung der musikalischen Alltagskultur der weit verzweigten Szene zeitgenössischer Musik. Und eine "konzertierte Aktion", so der damalige Flyer, die darauf hinweisen sollte, "daß die Kulturbehörde von Hamburg die Förderung für aktuelle Musik in den letzten Jahren fast ausnahmslos gestrichen hat."
Auch wenn in dieser Hinsicht kaum Besserung in Sicht ist, die Stellung haben die im VAMH organisierten Ensembles, Initiativen, Projekte und Veranstalter halten können. Füllte das Programm des mit minimalen Summen finanzierten Festivals zu Beginn noch elf Tage, waren es im letzten Jahr schon zwölf: Rund hundert MusikerInnen und KomponistInnen aus der ganzen Welt bestritten immerhin zwanzig Konzerte. Dieses Jahr ist "blurred edges" noch größer geworden. Auf knapp 50 Konzerten und anderen Veranstaltungen gibt es nun insgesamt 18 Tage lang die Möglichkeit, die bisweilen weit abseits gelegenen Pfade aktueller Musik zu entdecken.
Dabei sind auch in diesem Jahr wieder echte "Stars" zu Gast. Heute Abend ist beispielsweise der US-amerikanische Komponist und Musiker Christian Wolff Inhalt eines Vortrags in der Galerie Dörrie / Priess (19.30 Uhr, Admiralitätstraße 71). Der als Sohn des ersten Kafka-Verlegers Kurt Wolff geborene Altphilologie lernte schon als 16-Jähriger die "New York School" um John Cage und Morton Feldman kennen, deren einziger lebender Vertreter er heute ist. Einen Tag später erklingen dann auch seine Kompositionen. In einem "Tribute to" spielt das Komponistenkollektiv "Nelly Boyd Kreis" Werke Wolffs, anschließend führen Mitglieder des Kollektivs zusammen mit dem "Tonart Ensemble" und Christian Wolff selbst dessen neues Stück "Metal and Breath" auf (20 Uhr, Christianskirche Ottensen). Am Samstag dann spielen Wolff und der britische Pianist John Tilbury Werke Wolffs für ein oder zwei Klaviere, darunter das frühe "For prepared Piano" von 1951 und ein neues Stück (20 Uhr, Christianskirche).
Aber bevor der falsche Eindruck aufkommt: auch das dritte "blurred edges" will die ganze Vielfalt "alltäglicher" aktueller Musik zur Geltung bringen. Und deshalb ist hier neben allerlei Komponiertem und Improvisiertem, experimenteller Musik und Klangkunst, Avantgarde-DJing und Laptopbasteleien auch ein Hörstück wie "Die Befragung des Echos" zu hören: "eine radiophone Komposition aus der architektonischen Raumsituation öffentlicher wie sakraler Atmosphären" und deren Klängen, "ausschließlich aus deren Echo komponiert". Mit konkreter Mission im Alltag: nämlich als "Therapie". Denn "Noise löscht die Erinnerung an eingefahrene Denkprozesse und macht die Synapsen frei für neue Verbindungen. Wir wollen Dir damit helfen Deutschtümelei, nazionalistischen Müll und die Angst vor allem Fremden aus Deinem Kopf zu entsorgen." Auch eine Form von Widerstand.

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