blurred edges

06.04.2010

KLANG! - MAGAZIN 4, Text: Nina Polaschegg

Bild zu KLANG! - MAGAZIN 4, Text: Nina Polaschegg

„blurred edges“ - Das Festival „der Unbeugsamen“ geht in die fünfte Runde Wir befinden uns im Jahre 2010. Ganz Hamburg ist von Historizismus besetzt. Ganz Hamburg? Nein, ein paar Unbeugsame hören nicht auf, sich aktuellen Strömungen musikalischen Schaffens zu widmen. Im Jahr 2004 haben sie sich zusammen geschlossen zum „Verband aktuelle Musik Hamburg“. Das Ziel des Verbandes war und ist es, all die versprengten, einzeln oder in kleinen Gruppen arbeitenden Aktivistinnen und Aktivisten in Sachen aktueller Musik zu vernetzen. Eine Internet-Plattform ist wichtigste Anlaufstelle, auch für interesserierte Hörende: zur Information, zum Austausch, zu finden unter www.vamh.de. Der Blick in den dortigen Veranstaltungkalender zeigt, was „aktuelle“ Musik alles sein kann, denn der Verband möchte ganz gezielt nicht nur tradierte Genres vernetzen, sondern auch sogenannten „stilistischen Randgruppen“, deren Musik sich nicht unbedingt in Schubladen wie Improvisation oder zeitgenössische komponierte Musik / „Neue Musik“ einpassen lassen, integrieren. Notwendig war und ist eine solche Vernetzung gerade in Hamburg aus kommunkativen, sozialen und finanziellen Gründen. Soziale Gründe sind eindeutig: gegenseitiges kennen lernen, aber auch die Kommunikation nach Außen, zum schon vorhandenen und möglichst zukünftigem Publikum, das in Hamburg früher manchmal mit besonderem Forschergeist ausgestattet gewesen sein musste, um all die versprengten Konzertaktivitäten aufzuspüren. Schließlich die finanzielle Notwendigkeit, gemeinsam, als gößere Gemeinschaft, aufzutreten, um sich Gehör zu verschaffen, auch diese Notwendigkeit hat in Hamburg, der weltoffenen Handelsstadt, deren erstes Anliegen eben nicht die Pflege und Förderung neuester Musikkultur ist, Tradition - wie schon die alsbaldige Schließung der ersten deutschen Bürgeroper am Gänsemarkt 1738 leidvoll gezeigt hat. „Zeitgenössische Musik in der Elbphilharmonie zu veranstalten, ist nicht geplant“, hieß es noch Ende 2006. Nun, zumindest ein wenig anders sieht es inzwischen aus, nicht zuletzt Dank der Förderung des Projektes KLANG!. Dennoch: Musik, die jenseits der Konventionen, jenseits der eindeutigen Schubladen, jenseits des Mainstream liegt, die hat es nach wie vor extrem schwer, sich in Hamburg Gehör zu verschaffen, Aufführungsorte zu bekommen, zumindest mit einem Minimum an Fördergeldern, etwa für Fahrtkosten auswärtiger MusikerInnen, unterstützt zu werden. Umso faszinierender ist es, dass es inzwischen nun schon zum fünften Mal das Festival „blurred edges“ in Hamburg gibt. Vernetzt ist manches einfacher. „Blurred edges“, „unscharfe Kanten“, ist dabei ein Festival, das ohne Intendanten, ohne zentralen und hauptverantwortlichen Programmgestalter auskommt. Der Verband bündelt die Konzerte, die von den einzelnen Gruppierungen und / oder MusikerInnen eigenständig organisiert werden und übernimmt die Öffentlichkeitsarbeit. Vom 1. - 15.Mai findet „blurred edges“ diesmal statt. Und auch in diesem Jahr ist die stilistische Spannweite groß: von, sagen wir, traditioneller komponierter zeitgenössischer Musik über freie Improvisation, Elektronik reicht die Bandbreite, wobei eines für dieses Festival fast schon selbstverständlich ist: die unscharfen Kanten, die fließenden Grenzen, die möglichen Experimente, scheinbar getrennte musikalische Sphären zu verbinden. In den 16 Tagen werden um die 40 Konzerte zu hören sein. An Orten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, deren Bandbreite so weit reicht wie die präsentierten Stilrichtungen. Institutionalisierte Konzerträume wie die Alfred-Schnittke-Akademie, das Kunstforum der Gedok oder das Altonaer Theater stehen neben kleinen Clubs wie dem der Freitagsmusik, dem Golden Pudel, dem Medienbunker in St.Pauli, der Hörbar oder dem Westwerk. Altehrwürdige Kirchen bieten der aktuellen Musik Asyl: die Christianskirche in Ottensen, die Hauptkirche St.Kathatrinen. Wie so oft, liegt es hier an interessierten Kultur- und Musikverantwortlichen, die der aktuellen Musik die Pforten öffnen. Und in diesen Kirchen gelingt es: ein Neben- und zuweilen auch fruchtbares Miteinander von Alter und Neuer Musik, von Bekanntem und Unbekanntem.
Unbekannt, neu, sind auch so manche Veranstaltungsorte; etwa das Wartehaus am Övelgönner Museumshafen, in der die einst nach Elba ausgewanderte Hamburger Musikerin Marianne Kipp zusammen mit Sibylla Giger eine Konzert-Performance zum Thema „Reise“ veranstalten wird, oder das Wohnzimmer der Komponistin und Pianistin Dodo Schielein. Alle Konzerte zu beschreiben, würde das ganze Heft füllen. Hier also eine kleine Auswahl, nicht ohne zu erwähnen, dass es nicht ganz leicht ist, aus der Fülle der interessanten Termine nur einige heraus zu picken. Beginnen wir am Festivalanfang. Ein Vortrag von Alvin Curran wird am 30. 4. einen Vorgeschmack geben auf sein kommendes Solokonzert am 1.5.. Der Komponist, Improvisator und Performer Alvin Curran, Jahrgang 1938, zählt zu den Urgesteinen der frei improvisierten, der elektronischen Musik und der Performance. Im Jahre 1966 hatte er, u.a. zusammen mit Frederic Rzewski und Richard Teitelbaum die „Musica Elettronica Viva“ gegründet, eines der ersten Ensembles, die sich improvisierter Musik, gerade auch mit elektronischem Instrumentarium, Performance und Straßentheater widmete. Mit „endangered species“ erwartet die Zuhörenden eine halb anarchistische, halb historisch-reflektierende Performance, in der Curran Musiken der Zeit aufscheinen lässt, sie neu kombiniert und kontextualisiert. Eine ganz andere Seite Alvin Currans wird am darauffolgenden 2.5. hörbar. Das Ensemble Resonanz wird sein Streichquartett „VSTO“ interpretieren. Weiter auf dem Programm des längst über die Grenzen Hamburgs hinaus mit seinen charakteristischen Zusammenstellungen aus „Alter“ und „Neuer“ Musik bekannten Streicherensembles stehen Werke von Georges Aperghis, des diesjährigen Composer in Residence und des Hamburger Komponisten, Improvisator und engagierten Veranstalter Nikolaus Gerszewski. Michel Chevalier wird ein Gespräch mit den Komponisten führen. „Effusion“ nennt sich das Frauenquartett, das am 1.Mai ein nachmittägliches Konzert im Kunstforum der Gedok spielen wird. Das Ensemble konzentriert seine Programme auf zeitgenössische Werke bevorzugt in Norddeutschland lebender Komponistinnen und Komponisten. Auch die Musikerinnen legen Wert auf Gespräch und Vermittlung. Die Kompnistin Violeta Dinescu wird in das Konzert einführen, die KomponistInnen stehen im Anschluss zu Gesprächen bereit.
Angst davor neue, aktuelle Musik nicht zu verstehen? Die braucht kein Besucher, kein Neuling in Sachen aktuelle Musik zu haben. Einführungen, Gespräche gibt es zwar längst nicht bei allen Konzerten, aber gerade die Protagonistinnen und Protagonisten aus den Experimentierfeldern aktuellen / zeitgenössischen Musikschaffens präsentieren sich nicht als unnahbare Künstler, sondern sind für Nachfragen offen. Und wer als Neuling musikalisch einen Anknüpfungspunkt an Bekanntes sucht, dem sei ein Konzert im Medienbunker empfohlen: Cembalo-Tennis. Isolde Kittel-Zerer und Michael Petermann (Liebhabern aktueller Musik bekannt als Veranstalter der Reihe „Bunkerrauschen“) werden die Historie der improvisierten Musik im Abendland beleuchten. Denn Improvisation spielte Jahrunderte lang eine wesentliche Rolle, war selbstverständliche Praktik eines jeden Musikers. Kompositionen entstanden auf der Basis des Extemporierens. Das bekannteste Beispiel: J.S.Bachs „Musikalisches Opfer“. Die beiden Cembalisten werden einen Konzertabend lang das barocke Improvisieren, das freilich damals nach speziellen Regelsystemen und über Melodien erfolgte, also ganz wie im Jazz der vergangenen hundert Jahre, wieder aufleben lassen und sich abwechselnd improvisatorische Klangbälle zuspielen.
Komposition – Improvisation, dazu Elektronik, Klangkunst, nicht getrennt, sondern in einem Konzert vereint, sich gegenseitig ergänzend, wechselseitig beleuchtend: die „Projektgruppe aktuelle Musik Hamburg“ haben sich zum Ziel gesetzt, immer wieder auch solch gemischte Programme zu kuratieren. Bei „blurred edges“ veranstalten sie zwei Konzerte, in der die Protagonistinnen und Protagonisten Birgit Ulher, Michael Meierhof, Heiner Metzger und Gregory Büttner, nicht nur selber auftreten werden, sondern verschiedene Gäste eingeladen haben. Die schwedische und in Berlin lebende Klangkünstlerin Hanna Hartmann z.B. überrascht immer wieder nicht nur mit klanglich feinziselierten und ausgearbeiteten elektroakustischen Hörstücken, sondern auch mit visuellen und auditiven Eindrücken und Assoziationen spielenden Live-Performances. Die Hamburger Trompeterin Birgti Ulher trifft sich zum Duo mit dem argentinischen Saxophonisten und Bassklarinettisten Lucio Capese, zu Michael Maierhof am präparierten Cello und Heiner Metzger an seinem Soundtable wird sich der in Basel lebende Pianist Christoph Schiller mit seinem präparierten Spinett gesellen. Es verspricht ein Abend voller subtilster Klangfarbenentwicklungen zu werden. Vertreter der energetischeren Improvisation werden aus Norwegen zur „freitagsmusik“ am 7.5. anreisen. Das Trio „cartoon“ dekonstruiert Bebop und Dixieland zu Free Jazz affinen Klangformen. Freunde elektronischer Musik können Richard Scott mit seinem „Buchla Lightening“ erleben, zweier Stäbe, die, ähnlich wie bei einem Theremin die Hände, durch die Luft geführt, elektronische Sounds ansteuern. Und in der Hörbar wird der Malaysische Klangkünstler und Elektroniker Goh Lee Kwang improvisieren. …
Weitere Informationen, genaue Termin- und Ortsangaben, auch der vielen weiteren Konzerte, finden Sie auf der Internetseite www.vamh.de.
Zu erwarten sind also musikalisch einmal durchwegs positive Nachrichten aus Hamburg. Doch bleibe im Schatten der Elbphilharmonie ein Wehmutstropfen nicht unerwähnt: Leben kann von dieser Musik in Hamburg niemand. Die Gage reicht meist für nicht viel mehr als ein warmes Essen. Trotz Förderung von Klang! und NNM, die gesamte Fördersumme für rund 40 Konzerte beträgt 22000,-€, davon fast 4000,- Werbungskosten, der Rest für Fahrtkosten, Unterkunft und geringe bis geringste Gagen, für die in Hamburg nicht einmal die Kartenabreißerinnen arbeiten müssen.

Text: Nina Polaschegg, erschienen im KLANG!-MAGAZINE Nr.4, April 2010, www.klang-hamburg.de
ausserdem erschienen im Transmitter, April 2010 , Programmzeitschrift des FSK Radio, www.fsk-hh.org

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